Global Garden & Art
oltre il giardino - un giardino globale
Beyond the garden – a global garden PDF Stampa E-mail
Scritto da Milena Bellomo - Carlo Damiani   
„Garten“ als idealer Lebensraum, in welchem eine intime und kreative Beziehung zur Natur bestehen kann - unabhängig von charakterisierender Form, Geschichte und Vegetation

ABSTRACT

Bereits seit Jahrhunderten ist der Begriff „Garten“ Quelle der Inspiration und Begeisterung, Thema kultureller, wissenschaftlicher und ästhetischer Studien.

In der Darstellung als geschlossene Form erinnert der Garten vor allem an heilige, verbotene oder geheime Räume und ist somit in gewissem Sinne teilhabend an der eigentlichen Definition von Menschheit und Zivilisation; demnach sind es also wichtige Bedeutungen, die wir diesem Begriff zuteilen können.

Wir sollten uns jedoch auch daran erinnern, daβ die Natur űber eigene Richtlinien verfűgt; in  Wirklichkeit tragen die Gärten der Menschen nicht zu einer Ordnung bei, jedoch verleihen sie der Beziehung des Menschen zur Natur und zum eigenen persönlichen Lebensraum eine gewisse Regelmäβigkeit.

Insofern wir in einer űberaus zivilisierten, kűnstlichen und industrialisierten Welt leben, laufen wir Gefahr eine authentische Beziehung zur Natur zu verlieren. Wir riskieren eine abgestumpfte, vermittelte und mitunter willkűrliche Relation zu fűhren (vgl. die allgemeine Akzeptanz von Grűnflächen als einfaches Zubehör oder Dekoration), anstatt diesen Kontakt als Begegnung von Mensch und Natur zu sehen, welche den Traum von einem  „magischen Ort“ realisieren könnte.

Heutzutage fehlt es auf nationaler Ebene an einem wahrhaften Dialog, der auf das sogenannte „Bewirtschaften-Kultivieren“ als modus operandi aufmerksam machen sollte und, welcher auch die Debatte zum globalen Klimawandel miteinbeziehen sollte. Hingegen dűrfen die beiden Argumente keineswegs getrennt werden.

Tatsächlich ist der Garten nicht nur Zierde, Augenfreude oder einfache Quelle der Nahrungsbeschaffung. Er ist auch ein Symbol, ein lebendiges Heiligtum der Vereinigung von (menschlichem und göttlichem) Geist und Materie.

Der Garten kann somit zu einem abstrakt-symbolischen Ort der Meditation (Zen-Garten) oder selbst zu einem „lebenden Kunstwerk“ werden, als ständig offenes Projekt, ein sogenannter „work in progress - Ort“, der sich kontinuierlich weiterentwickelt.

In diesem Sinne wird der Garten zusammen mit seiner Landschaft, Űberbringer von Botschaften und gleichzeitig wird er zum Signal menschlicher Anwesenheit und Intervention:  (physischer und metaphysischer) Ort der Interaktion von Mensch und Natur, reale und fiktive Welt in sich vereint, gekennzeichnet von vielen Bedeutungen, die sich im Laufe der Zeit aneinanderreihen – im kollektiven Vorstellungsvermögen. Es konkretisieren sich somit Projektionen und menschliche Hoffnungen, uralte Erinnerungen, Nostalgie.

Der Garten vibriert geradezu von unterschiedlichem Sinngehalt, welcher jeweils tief im Gedächtnis und im kollektiven Unterbewuβtsein verankert ist. Er stellt die wesentliche Rolle von Kunst, Architektur und der gesamten Zivilisation in Frage, Themen, welche schon immer als grundlegende Kristallisierungen von alten und neuen, sozialen, kulturellen, ästhetischen sowie menschlichen Ausdrucksformen galten; dies fűhrt uns zeitweilig vor Augen, wie zentral eigentlich das Thema „Gartenbau“, in Anbetracht der Definition unserer eigenen Bevölkerung, ist.

Agri-tecture

Im Hinblick auf Spinoza’s Natura Naturans - eine lebendige Natur, welche kontinuierlich zu sich selbst zurűckfindet - zeichnen sich im Naturreich öffentlicher Räume (die ehemals aufgegeben wurden oder etwa in Vergessenheit gerieten), Phänomene von Wiedereinnahme ab; dies kann spontan und schweigend geschehen oder wird manchmal sogar aktiv vom Menschen hervorgerufen.

Sodann sprechen wir also von Agri-tecture, von öffentlicher Grűnfläche, die sich sehr gut mit aufmerksamer, innovativer, vielleicht sogar zukunftsorientierter Architektur verbinden läβt.

New York, Manhattan 2009

Daβ der Garten auch Oase der Ruhe, Sorgfalt und wiedergefundene Harmonie sein kann, inmitten eines etwa chaotischen Universums, auch im ontologisch-existenziellen Sinne, wird bestätigt von der Tatsache, daβ selbst in Groβstädten wie New York, das Wahrnehmen von einem - beinahe unmöglichen - Garten  inmitten von Lärm und unaufhaltsamer städtischer Bewegung,  zweifellos ermutigt:

In der Tat, die zuletzt dargebotene Innovation in Sachen „öffentliche Gärten“ und „wiederentdeckte Urbanistik“  stammt aus New York:

Im Meatpacking District erblickt das sogenannte letzte ökologische Wetten des Big Apple das Licht. Die ehemalige eineinhalb Meilen lange Hochbahntrasse (die sogenannte High Line) des Industriegebietes war seit Jahren ungenűtzt und befand sich im Zerfall. Schon längst wurde die gesamte Strecke wieder von grűner Vegetation und Wildnis besiedelt. Nun wird sie vom Architekturbűro Diller & Scofidio in eine öffentliche Grűnfläche  von raffiniertem Konzept transformiert.

Man hat sich also an der melancholischen und rebellischen Schönheit dieser postindustriellen Ruine inspiriert;  dort wo die Natur das eigene Gebiet wieder einfordert, Gebiet, welches einst ein vitaler Bezirk und wichtiger Knotenpunkt des städtischen Gefűges war. Das Projekt des erhöhten Parks auf der ehemaligen Hochbahntrasse űbersetzt die biologische Vielfalt, welche - nachdem sie in Vergessenheit geriet - wieder Wurzeln in den Böden fassen konnte, in artspezifische Streifen eines städtischen Mikroklimas, die sich entlang der Bahnlinie ranken und somit den tatsächlich innovativsten Park der Stadt realisieren; genau so, wie es selbst Bűrgermeister Bloomberg definiert hat.

Kreative Ökologie

Zwischen Grűnflächen, Kreativität und Urbanistik besteht ein nűtzlicher Dialog, der jedoch auch ästhetisch wichtig ist, wie uns die jűngsten und - fruchtbaren - zeitgenössischen Experimente lehren.

Kunst und Städtebau

Die Fassade der Gebäude wird grűn, hell, interaktiv und dennoch bleibt sie nachhaltig umweltfreundlich.

Wenn der Garten zu Architektur wird: die „green wall“, der „vertikale Garten“ wird zu „pixel“, Graffitti“, zu einem Zeichen der Kommunikation und zu einem Forum fűr einen städtisch-demokratischen und multiethnischen Dialog: dies sind dann auch die letzten Grenzen eines global-lokalen Gartens in der zeitgenössischen Stadt.

Eine neue Art hingegen Gärten zu betrachen, ist es zu erkunden, in welcher Weise diese mit dem öffentlichen, privaten, städtischen Leben und den Umweltorganisationen interagieren - nämlich um die Gärten zu schűtzen - und um zu erkunden, wie sie als Filter zwischen Imaginärem und Realem fungieren (stets in der Schwebe zwischen einem wörtlichen Sinne und einem űbertragenen Sinne) bzw. wie sie als architektonisches Kompendium und städtisches Element fungieren.

Der sogenannte vertikale Garten nimmt neben der Verschönerung von Fassaden auch eine höchst ambientalistische Rolle ein. Neben den regenerierenden Wirkungen von Photosynthese auf die Luftverschmutzung, so leistet die Bepflanzung allgemein einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz.

San Francisco 2008

Daβ das „Grűn“ im städtischen Gefűge zu einem integralen Bestandteil werden kann, in Form eines Daches oder einer Fassade (green wall), in einer Osmose sozusagen zwischen Organischem und Inorganischem, als Kombination zwischen Vegetation und Architektur, indem sie den offensichtlich ökologischen Vorteilen einen wahren ästhetischen Wert hinzufűgt, dies zeigt sich in einem ausgezeichneten und äuβerst aktuellen Beispiel der California Academy of Sciences von Renzo Piano, welches  2008 in San Francisco abgeschlossen wurde. Erbaut nach den Avantguarde-Strategien eines nachhaltigen Designs, nűtzt das Museum eine natűrliche Belűftung, die es ermöglicht, in weiten Bereichen des Gebäudes elektrische Klimaanlagen zu vermeiden.

Das Garten-Planetarium von Gilles Clément 2007

Unter den zeitgenössischen Denkern, welche die Gärtnerei tatsächlich nicht nur als einen Beruf sondern auch als eine echte und eigenständige Mission - auf globaler Ebene - betrachten, befindet sich der Gärtner-Agronom-Landschaftsplaner, Professor und französische Schriftsteller Gilles Clément: der „Gärtner und Philosoph“.

Nach Gilles Clément präsentiert sich der „Planetary Garden“ - Land ohne Grenzen und Flagge, ohne Notwendigkeit auf Krieg, „bewaffnet“ lediglich mit der Willenskraft der Erdenbewohner - als ein allgemeines Projekt, das den Begriff Garten sowohl in seiner bescheidensten  Form als auch in seiner gröβten Dimension umfaβt. Städtische und ländliche Gebiete, sowie Politik in einfachster aber auch ausgeprägtester Form sind hier miteinbezogen.

Clément versteht unter der Bezeichnung „Garten“ nicht nur ein praktisches oder experimentelles Konzept; der Garten hingegen soll uns zum Nachdenken und auch zum Besinnen anregen um noch einmal eine Vielzahl irrender Stellungnahmen in Bezug auf unsere Umwelt korrigieren zu können.

Ökologie in der Kunst

 

Die Ökologie als politische Bewegung und allgemein als Gedankengut ist als absolute Innovation in der menschlichen Geschichte zu betrachten. Ebenso als Neuigkeit, sind jedoch auch die begangenen gegenwärtigen Massaker im Hinblick auf die Umwelt zu bewerten.

Wir sollten also nicht kurzsichtig und opportunistisch - ohne jegliches Bewuβtsein űber die Folgen - handeln: das ökologische Denken bedeutet fűr die Menschheit den Beginn einer  verantwortungsvollen Ära. Wir sprechen hier von Verantwortung  gegenűber der Umwelt und ihrer biologischen Artenvielfalt, gegenűber kommender  Generationen, bzw. von Pflichtbewuβtsein gegenűber der Zukunft unserer Art und der Zukunft anderer Arten.

Der Garten eignet sich als „geistiger Raum“ fűr die vielfältigsten und gegensätzlichsten Interpretationen: in der Zen-Praxis wird er zum Gegenstand der Betrachtung selbst; als Vorwand fűr eine intime und transzendentale Untersuchung, wird er zum metaphysischen Garten und paradoxer Weise äuβert er sich  hier als „dry garden“, steinerner Garten, lytisch, paradox in einer abstrakten Strenge, „subtraktiv“ und metaphorisch signifikativ (vgl. Gestein als Sinnbild des Wassers); in der kűnstlerischen Praxis hingegen - in der etwa organischen Vision von Gaudì - nimmt der Garten die Form eines fantastischen Raumes an und verwandelt sich auf surrealistische Weise; als extremer Ausdruck, vitaler und metamorpher Kreativität des Kűnstlers.

Kunst & Imagination

Architektur und Land-Art

Landschaft als Begegnung von Geschichte und Lebensraum, Landschaft als subjektive Dimension

„Landschaft“ ist eine territoriale Ganzheit, welche űber morphologische und ambientalistische  Qualitäten verfűgt; auf persönlicher Ebene kann sich Landschaft auch zu einer Darstellung des meditativen Seelenzustandes - voller Empfindungen und Emotionen - entwickeln, diese können kűnstlerisch in figurativer oder verbaler Sprache kommuniziert werden.

Betrachtet man die Malerei, so läβt sich natűrlich auch ein Bezug zur Kunstgeschichte herstellen (Botticelli, Leon Battista Alberti, ...).

Auch in der römischen Malerei war die Kunst des Gartenbaus weit verbreitet, und sogar an der Schwelle zur Neuzeit bleibt die Idee von Landschaft im groβen Bereich der figurativen Kunst bestehen.

Im Impressionismus wird die Natur zum Ort der Immersion, Gesamtheit des visuellen Erlebens, wahrer und einziger Meister.

Auch heute noch sind die Kűnstler stets aufmerksam und sensibel auf Anzeichen fűr  Veränderungen sowohl im physischen als auch im intellektuellen Bereich; sie verstehen es gemäβ den gegenwärtigen Trends, den neuesten Paradigma und gemäβ den umwelt-ökologischen Problematiken unserer Zeit zu verbinden, zu komplexifizieren und gegebenfalls abzulehnen (vgl. Beuys, Hundertwasser, Christò&Jeanne Claude).

Wie die Kunst und das Kino, so sind es auch Literatur und Fotografie, die den Besonderheiten ihrer jeweiligen Sprache ein ästhetisches Urteil zum Thema „Garten“ vorlegen.

In der Fotografie zum Beispiel wird der Bildausschnitt zur „Umzäunung“. Innerhalb dieser Eingrenzung versucht der fotografische Blick ein mögliches Geheimnis, das Geheimnis des symbolisch dargestellten genius-loci (Kreatur, die den Raum beseelt und ihm Schönheit verleiht) zu entlűften.

Ebenso wird in der italienischen Literatur anhand von verschiedenen antiken Dokumenten in Volkssprache die Bedeutung und Idee des Gartens aufgegriffen, von Francesco Petrarca und Boccaccio, bis zum „hortus larvarum“ von Gabriele D’Annunzio und um schlieβlich ans Ende dieser Reise ins „Grűne“ zu gelangen, so sei auch der venezianische Dichter Andrea Zanzotto erwähnt: „Cieli di giardino sorgete ancora dai vostri spazi“, im Sinne von Hoffnung auf die regenerierenden Kräfte.

 Űbersetzung ins Deutsche: M.A. Doris Luger